#ActiveTonality – die kleine Schwester von #ConstructiveNews

Nachrichten sind oft schwer zu ertragen. Mehr und mehr Hörer wenden sich von ihnen ab, zeigt aktuelle Forschung. Was nicht nur mit den Stoffen zu tun hat – mit Krieg und Katastrophen, Unfällen und Verbrechen, Konflikten, Streit und Kontroversen. Die Akzeptanz-Krise ist auch Folge der klassischen Nachrichtensprache. Sie doppelt den Negativismus der Stoffe im Text.

Nachrichten Stellen die Welt oft mit einem sehr spezifischen Spin dar: Für das Geschehen ist nicht etwa jemand verantwortlich, vielmehr ereignet „es sich“ oder „es kommt“ dazu. Hintergründe und Details sind häufig „noch unklar“ und es „bleibt abzuwarten“, wie „sich“ die Dinge entwickeln. Ein bestimmter Ausgang der Ereignisse „drohe“ zu guter Letzt, sei „zu befürchten“ oder „nicht auszuschließen“.

Gezeichnet wird eine Welt, die den Hörer hilf- und ratlos macht, ihn passiv und unbeteiligt wirken lässt. Die suggeriert, dass Menschen keine Chance hätten, Einfluss zu nehmen. „Erlernte Hilflosigkeit“ nennt das die Medienpsychologin Maren Urner. Klar ist: Das darf nicht so sein und muss es auch nicht.

Constructive News & Active Tonality

Das Konzept des „Constructive Journalism“ ist ein Versuch, etwas dagegen zu tun. „Konstruktiver“ Journalismus belässt es nicht dabei Probleme zu beschreiben, sondern sucht in der Wirklichkeit nach Ansätzen zur Bewältigung. Solche lösungsorientierte Berichterstattung ist aber nicht ohne Weiteres anwendbar auf die tagesaktuelle Nachrichten-Arbeit im Radio.

Hierfür schlagen wir das Konzept der „Active Tonality“ vor. Eine solche aktive bzw. aktivierende Tonalität ist quasi die kleine Schwester von „Constructive Journalism“. Sie ist auch auf kleinstem Raum zu realisieren, in Radio-Nachrichten mit ihren oft nur vier oder fünf Sätzen pro Thema. Konkret besteht sie aus 3 Elementen:

1) Recherche statt Weichsprech! 

Ereignisse „geschehen“ nicht, sondern werden „gemacht“. Wir fragen stets nach dem Akteur eines Geschehens:

• Wir ersetzen unbestimmte Substantive („man“, „es“), indem wir uns bemühen, die tatsächlichen Akteure zu benennen: „Es ist zu Zusammenstößen gekommen“ –> „verfeindete Clans haben aufeinander geschossen“;
• Wir drehen Passiv- zu Aktiv-Konstruktionen: „Das Haus ist angezündet worden“ –> „Unbekannte haben das Haus angezündet“;
• Wir verzichten auf reflexive Lösungen und texten konkreter: „ein Unfall hat sich ereignet“ –> „zwei Autos sind ineinander gerast“.

Offensichtlich ist aber auch: Es geht nicht ohne ergänzende Recherche. Intensive Telefon-Arbeit gehört dazu!

2) Forward-looking: What´s next?

Wir texten nicht „abschließend“, wir bauen keine Meldungs-Sackgassen. Wir nehmen den Blick nach vorne mit in den Text. Wir klären und beschreiben Optionen:

• Wer tut gerade was? „Ermittler sind derzeit am Unfallort, um Bremsspuren zu messen und Indizien zu sammeln. Gerade brechen zwei Abschleppwagen auf, um die Unfallfahrzeuge zu bergen …“ ;
• Wer ist in der Pflicht zu reagieren? „Nach spätestens 24 Stunden muss der Haftrichter entscheiden, ob der Verdächtige weiter in Gewahrsam bleibt“;
• Wie geht es weiter? Welche Optionen gibt es? What´s-next ist eine von fünf Dimensionen, die in jeder Nachricht behandelt werden sollten: „Wie es nach dem Rücktritt der Regierung weitergeht, beschreibt die Verfassung in Artikel…“.

Der verstärkte Fokus auf Auswirkungen und Konsequenzen, auf Optionen und Handlungsalternativen kommt dem Hörer unmittelbar zugute.

3) Kompetenz, Image und Making-of

Wir verzichten auf jede Art von journalistischem Schulterzucken („ist noch unklar“)! Wie soll der Hörer uns und unser Programm als kompetente journalistische Instanz ernstnehmen, wenn wir Passivität und Ahnungslosigkeit zur Schau stellen?

• Wir formulieren positiv, indem wir zwar auch nach den Leer-Stellen fragen (danach, was wir nicht wissen), sie aber quasi „auf links“ drehen und beschreiben, was gerade geschieht um sie zu füllen. Wir sagen, wer gerade was tut und was als Nächstes ansteht: „Die Gründe der Schlägerei sind noch unklar“ –> „Die Ermittler überlegen gerade, mit welcher Strategie sie die Verdächtigen befragen wollen“;
• Wenn wir etwas als „unklar“, „offen“ oder „nicht bekannt“ darstellen, achten wir darauf, dass dies in jedem Fall an Dritten festgemacht wird. Wir selbst bleiben als journalistische Akteure stets kompetent: „Die Polizei sagt, über die Hintergründe der Tat sei noch nichts bekannt“;
• Wir machen transparent, wie wir arbeiten, indem wir das Making-of in unsere Meldungen integrieren. „Wir haben nachgefragt beim Minister. Zwischen zwei Terminen haben wir ihn im Auto erreicht …“.

Wir übernehmen Verantwortung auch für die Außenwahrnehmung unserer Nachrichtenarbeit. Der Hörer sieht in uns Welt-Erklärer. Diese Herausforderung nehmen wir an!

Nachrichten in diesem Sinne haben eine andere Anmutung als der nachrichtliche Status quo. Sie stellen die Welt dem Hörer vor als Welt in Bewegung, in der Dinge nicht „geschehen“, sondern „gemacht“ werden; in der es stets Akteure gibt, die gerade handeln oder gefordert sind, aktiv zu werden; wo Geschehen stets in die Zukunft weist und Optionen sichtbar sind.

Derartige Nachrichten sind im besten Sinne „aktivierend“. Hörer brauchen sich nicht mehr abzuwenden. Sie bekommen mehr Orientierung als je zuvor. Orientierung gibt Sicherheit. Das ist nicht wenig in einer immer unübersichtlichen Welt!

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